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Vom No-Go zum Must Have? Wie Powernapping Arbeitswelten verändert

April 20, 2018

“If you can dream it, you can do it.” Schon Walt Disney wusste – in übertragenem Sinne gesprochen – wie wichtig es ist, zu träumen, loszulassen und eine Gedankenpause vom Alltäglichen einzulegen. Auf dem heimischen Sofa oder der Sonnenliege im Garten ist das auch problemlos möglich. In unseren Büros (noch) nicht, obwohl die ersten Diskussionen und Studien zu dem Thema schon vor rund zwanzig Jahren aufkamen. Schlafen am Arbeitsplatz gilt – vor allem hierzulande – als No-Go und Zeichen von Faulheit, Desinteresse oder Überforderung. Und rückt den, der es doch macht, in den Fokus allgemeinen Gespötts. Von „Nichtstuer“ über „Geld im Schlaf verdienen“ bis hin zu „Typisch Beamter“ reicht die Häme übers Bekenntnis zum Nickerchen. Wirklich vorstellen kann die Mehrheit von uns es sich auch nicht unbedingt, sich mal zwischendurch aufs Ohr zu hauen. So ein wenig Hauch von Null-Bock hat das Ganze dann ja doch irgendwie, oder?

     

     

Nein, sagen zumindest Unternehmen wie Google oder IBM. Für sie steht fest: Ein halbstündiges Nickerchen steigert Aufmerksamkeit, Leistung und damit die Produktivität. Bei IBM in Zürich behauptet sich der Ruheraum bereits seit mehr als zwanzig Jahren. Auch die deutschen Player BASF und Vaillant setzen auf Liegen für ihre Mitarbeiter. Google ist technologisch natürlich auch in Sachen Nickerchen besonders gut und fortschrittlich aufgestellt. Im britischen Hauptquartier des Internetriesen stehen so genannte Sleep Pods mit zeitlich einstellbaren Schlafprogrammen und beruhigender Musik. Und in Sydney laden gepolsterte Waben inmitten von natürlich-holzigen Materialien zum kurzen „Weggoogeln“ ein.

Medizinisch ist die positive Wirkung des mittäglichen Powernapping längst belegt. Aber ist dessen Integration in den Büroalltag übertrieben und nur was für Firmen, die eh schon aufs hippe Silicon-Valley-Image achten? Oder doch zwingend notwendig in Zeiten, in denen Unternehmenserfolg und -fortschritt zunehmend von frischen Innovationen und glasklar denkenden Talenten getrieben werden? Sollten sich auch hierzulande Arbeitsplätze und Unternehmen mehr öffnen für Powernapping? Tun sie das eventuell auch schon? Und wie sehen Büros aus, die den Chill-Energieschub fördern?

Unternehmensgrösse und Branche entscheidend

„Als HRM-Coach, HR-Expertin und HR-Podcasterin bin ich zu einem grossen Teil auch in der Schweiz tätig“, sagt Diana Roth, Coach für Mitarbeiter und Karriere im Personalmanagement. „Gerade in den dortigen Grosskonzernen wird Powernapping tatsächlich aktiv gefördert – vor allem durch die entsprechenden Räumlichkeiten. Sogar der Outlook-Eintrag „Nap“ ist hier etabliert und – was am wichtigsten ist – auch völlig akzeptiert.“ Das sieht in deutschen Unternehmen etwas anders aus. „Bisher können wir in unseren Projekten und unter unseren Kunden keine signifikante Veränderung zu mehr nachgefragten Ruheräumen verzeichnen. Möglichkeiten zum Nickerchen stehen häufig nicht auf der Agenda“, sagt Stefanie Eisenbarth, Team Leader JLL Workplace Strategy. „Grundsätzlich ist in Büroflächen immer der gesetzlich geforderte Ruhe- oder Erste-Hilfe-Raum zu berücksichtigen. Dieser hat aber in der Regel andere Grundanforderungen als Powernapping. Als Ergänzung für die meist sehr offenen und transparenten Lösungen, die neue kommunikative Arbeitswelten häufig mit sich bringen, schlagen wir gern immer wieder geschlossene und nicht einsehbare Räume vor. Mitarbeiter brauchen in der Regel auch mal einen Ort, an den sie sich zurückziehen können, ohne von aussen – wie im berühmten Aquarium – beobachtet zu werden.“ „Das Bewusstsein und die Akzeptanz für die Thematik hängen nicht nur vom jeweiligen Land ab“, ergänzt Diana Roth. „Wo vor allem Grosskonzerne offen sind, wird Powernapping von den meisten KMUs noch skeptisch beäugt. Ebenso gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen. In der Baubranche zum Beispiel wird es noch einige Zeit dauern, um den grossen Vorteil von Ruhepausen zwischendurch zu sehen – in der Gesundheitsbranche hingegen wird der „Nap“ schon lange ganz bewusst eingesetzt.“

Massnahmen wie Powernapping sind per se auch nicht losgelöst als einzelne Angebote zu sehen, sondern gewinnen vor allem dort an Bedeutung, wo das Thema Gesundheitsmanagement in den Fokus rückt. Und das tut es laut Diana Roth mit „Siebenmeilenstiefeln“. Denn letztlich geht es um das grösste Kapital eines Unternehmens: leistungsfähige Mitarbeiter. Reduzierung von Stress und Investments in deren Gesundheit zahlen sich langfristig also ungemein aus – und das nicht nur durch weniger Krankheitstage, sondern durch eine erhöhte Kreativität und Produktivität.

Reicht die ruhige Ecke – wie geht Powernapping im Büro?

Ob Gesundheitsmanagement, Grosskonzern, cooles Startup oder doch eher kleineres Unternehmen – wenn die Entscheidung für Ruhemöglichkeiten gefallen ist, stellt sich die Frage nach der konkreten Umsetzung. Wohin mit Sesseln oder Liegen, wenn man nicht gerade viel Platz und zusätzliche Räume übrig hat? „Schlafkojen und Sleep Pods wie bei Google und Co. sehen beeindruckend aus, braucht es aber nicht zwingend“, sagt Stefanie Eisenbarth. „Fürs Powernapping reicht in der Regel bereits eine ruhige Ecke. Der Kopf sollte gut abgelegt werden können, um nicht zu verspannen. Das können Liegen und Sofas erfüllen, aber auch der gute alte Ohrensessel. Wichtiger ist es, einen Bereich dafür zu definieren, der nicht nur akustisch sondern auch visuell von den anderen „belebten“ Bereichen abgeschirmt ist.“ Das Ja zum Büro-Nickerchen funktioniert für jede Bürogrösse. „Wichtig sind die Offenheit und Akzeptanz, diese auch zu nutzen. Genauso wie Training und Übung. Gerade am Beginn sollte es eine Einführung bzw. Anleitung für die Mitarbeiter geben.“

Eine Frage der Generation – breites Angebot ist King

Letztlich geht es nämlich nicht allein um die Bereitschaft der Unternehmen – von C-Suite und HR-Verantwortlichen – sondern auch um die Offenheit der einzelnen Mitarbeiter selbst. Wie nehmen diese solch ein Angebot an? Warten sie nur darauf? Oder nutzen sie es am Ende gar nicht? „Ich erlebe es bei unseren jungen Mitarbeitenden – und hier spreche ich von der Y-Generation – nur selten, dass sie über Mittag die innerbetriebliche Yoga-Matte oder Schlafmöglichkeiten aufsuchen“, so Diana Roth. „Dafür stehen aktive Sportmöglichkeiten hoch im Kurs, zum Beispiel Mittagspausen-Fussball oder Handball mit den Kollegen. Bei der Babyboomer- und X-Generation hingegen beobachte ich jedoch den bewussten Entscheid für entspannende Elemente.“ Breit aufstellen in Sachen Wohlfühlen und Energie tanken heisst also die Devise, was auch Stefanie Eisenbarth bestätigt: „Dass Powernapping sich auf breiter Basis als Standard etablieren wird, ist fraglich. Die Nachfrage nach Rückzugsmöglichkeiten im Büro an sich wird jedoch ein wichtiger Bestandteil von neuen Arbeitswelten bleiben. Und dies kann dann auch mal eine Möglichkeit zum Hinlegen und Ausruhen sein.“

Verordnen darf man die Entspannung sowieso nicht – weder überhaupt noch zeitlich. Diana Roth: „Das Angebot und die freie Wahl müssen da sein. Nur dann wird es genutzt. Und Powernapping ist mit Blick auf das sehr sinnvolle Gesundheitsmanagement nur eine von vielen Varianten.“ Von denen andere bereits eine sehr viel höhere Akzeptanz haben und es vermutlich auch behalten werden.

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